Das erste Plastik wurde erfunden, damit keine Elefanten mehr gejagt werden mussten. Damals fertigten Handwerker Billardkugeln und andere Alltagsgegenstände aus Elfenbein an. Die hohe Nachfrage nach dem Rohstoff führte jedoch zu einem drastischen Rückgang der Elefantenpopulation. Elfenbein wurde schließlich so teuer, dass ein US-amerikanischer Billardkugelhersteller eine Belohnung von 10.000 Dollar1 für die Entwicklung einer günstigeren Alternative aussetzte.
Der Druckergeselle John Wesley Hyatt erfand ein solches Material, nannte es Zelluloid, meldete 1869 ein Patent dafür an und bekam das Geld. Der neu erfundene Kunststoff ersetzte nicht nur Elfenbein, sondern auch Schildpatt, Perlmutt, Koralle und Seide. Die Tiere mussten nicht länger für die Gewinnung dieser Rohstoffe getötet werden. Inzwischen zählt die Verschmutzung durch Kunststoffabfälle zu den größten Umweltproblemen. Die Wissenschaftsjournalistin Susan Freinkel fasst diese Entwicklung so zusammen: „Früher wurde Plastik als Rettung der Umwelt angesehen, heute dagegen betrachten wir es als einen der größten Feinde der Natur.“2
Um der wachsenden Müllproblematik entgegenzuwirken, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Start-ups und Initiativen entstanden. Einige entwickeln nachhaltige Alternativen zu Plastik, um von vornherein zu verhindern, dass Abfälle entstehen. Andere setzen auf innovative Technologien und Programme, um vorhandenen Müll effizienter zu recyceln und wiederzuverwerten. Wieder andere konzentrieren sich darauf, bereits entstandene Umweltschäden zu beseitigen.

Müllinsel dreimal so groß wie Frankreich
Zu ihnen zählt die Non-Profit-Organisation The Ocean Cleanup, die seit 2019 Plastikmüll aus dem Pazifik fischt. Der Handlungsbedarf ist groß: Prognosen zufolge wird das Gewicht des Plastikmülls in den Ozeanen bis 2050 das der Fische übersteigen.3 Derzeit gibt es fünf riesige Müllstrudel – der größte mit dem Namen „Great Pacific Garbage Patch” (GPGP) schwimmt im Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii.

Allein diese Müllinsel ist fast dreimal so groß wie Frankreich und enthält rund 100.000 Tonnen Abfall.4 Die Organisation hat bis jetzt fast 500 Tonnen Müll aus diesem Strudel gefischt. Wie das? Mithilfe einer über zwei Kilometer großen, frei treibenden, U-förmigen Barriere. Diese wird von zwei Schiffen mit einer Geschwindigkeit von weniger als drei Kilometern pro Stunde durch das Wasser gezogen. Von den Seiten des U wird das Plastik in die Mitte getrieben. Dort befindet sich ein großer Auffangbehälter, der alle drei bis vier Tage entleert werden muss. Der gesammelte Müll wird sortiert und anschließend an Land gebracht.5


Jeden Tag brennt es 30 Mal in Recyclinganlagen
Dort wird der Abfall bestenfalls wiederverwertet, wofür eine saubere Trennung der Abfälle notwendig ist. Künftig könnte hierbei flächendeckend Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen – auch in Deutschland. Ein Unternehmen, das genau an solchen Lösungen arbeitet, ist das Würzburger Start-up WeSort.AI, das 2024 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet wurde.6 Bislang erfolgt die Müllsortierung mechanisch in Sortieranlagen, was einen entscheidenden Nachteil hat: Die Anlagen können lediglich zwischen groben Kunststoffarten unterscheiden. In der Folge werden rund 80 Prozent der Kunststoffabfälle verbrannt, statt wiederverwertet. Die KI des Start-ups erkennt hingegen sehr präzise, um welche Art von Abfall es sich handelt. Besonders wichtig ist diese Unterscheidung bei Lebensmittelverpackungen: Beim Recycling dürfen nur Wertstoffe aus ehemals Lebensmittelverpackungen genutzt werden, nicht jedoch aus Verpackungen für Putzmittel. Diese Unterscheidung kann die KI treffen. Dadurch kann der Müll deutlich reiner sortiert und anschließend weiterverarbeitet werden.7 Das Ziel des Unternehmens ist es, so Gründer Nathanael Laier, „alle Abfälle im geschlossenen Kreislauf halten zu können.“8
Und so funktioniert das System: Auf einem Förderband läuft der Abfallstrom unter Kameras entlang. Die KI identifiziert die Abfälle. Anschließend übermittelt die Software die genaue Position der verschiedenen Abfälle an ein System von Luftdüsen. Durch einen Luftstoß wird der Müll schließlich sortiert. Essensverpackungen werden in den einen Behälter gepustet, Kosmetikverpackungen in den anderen.9 Ein weiterer Vorteil der Software: sie erkennt auch Akkus und Batterien.10 Werden diese beschädigt, können sie zu Bränden in den Sortieranlagen führen. Schätzungen des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft zufolge brennt es in Deutschland im Durchschnitt rund 30 Mal pro Tag in Müllfahrzeugen, auf Recyclinghöfen oder in Abfallbehandlungsanlagen. Hauptursache sind falsch entsorgte Batterien und Akkus.11

Das Versandhaus Otto will bald in Getreideversandtüten verschicken
Während Unternehmen wie WeSort.AI dabei helfen, bereits bestehende Kunststoffabfälle wiederzuverwerten, setzen andere Start-ups früher an. Ihr Ziel ist es, die Entstehung von Plastikmüll von vornherein zu verhindern. Die Idee also: Alternativen zu Kunststoff entwickeln. Die Firma Traceless nutzt hierfür Reststoffe, die bei der Getreideverarbeitung anfallen. Durch ein spezielles Verfahren wird aus diesen Abfällen ein Material gewonnen, das sehr ähnliche Eigenschaften wie Plastik aufweist, aber komplett abbaubar ist. Aus diesem Stoff können Einwegbesteck und Verpackungen hergestellt werden, die nach wenigen Wochen zu Humus, Wasser und Kohlenstoffdioxid zerfallen.12 Solche Alternativen könnten auch im Versandhandel eingesetzt werden. Dieser ist nämlich laut dem Umwelthistoriker Roman Köster der Grund für das erneute Ansteigen der Müllproduktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Köster, stieg das Müllaufkommen in Deutschland und Österreich bis in die 1980er-Jahre kontinuierlich an. Danach erreichte dieser Trend aber ein Plateau und die Gesellschaften produzierten nicht viel mehr Müll. „Das änderte sich aber nach 2000 durch den Online- und Versandhandel. Seitdem sind die Müllmengen wieder sehr stark angestiegen.“13 Aktuell kooperiert das Versandhaus Otto mit Traceless. Die Firmen arbeiten an einem abbaubaren Versandbeutel, der allerdings bisher noch nicht eingesetzt wird.14
Ab 2030 gilt ein Verbot für Einweg-Plastikverpackungen
Die Idee der plastikfreien Verpackung ist nicht neu. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die Alternativen zu Kunststoff entwickelt haben. So setzt ein britisches Unternehmen beispielsweise auf Verpackungen aus Seetang, während andere Firmen Verpackungsmaterial auf Basis von Stroh oder Palmenblättern entwickeln.15 All diese Alternativen können dabei helfen, das EU-Gesetz zu erfüllen, demzufolge bis 2030 alle Verpackungen auf dem EU-Markt recyclebar sein müssen. Ab dann sind alle Einweg-Plastikverpackungen, vom Ketchup-Tütchen bis zur Shampooflasche, verboten. Das Verbot zielt darauf ab, die Menge an Verpackungsabfällen zu verringern: Derzeit fallen pro EU-Bürger:in jährlich etwa 190 Kilogramm Verpackungsmüll an, in Deutschland liegt der Wert mit rund 225 Kilogramm sogar noch höher.16
Nudges führen zu einer besseren Mülltrennung
Neben gesetzlichen Vorgaben gibt es in der Abfallwirtschaft eine weitere Möglichkeit, das Verhalten von Konsument:innen zu beeinflussen: Durch Green Nudges. Nudging ist ein Konzept aus der Verhaltensökonomie. Es beschreibt kleine „Anstupser“, mit denen Menschen zu einem bestimmten Verhalten bewegt werden sollen. In diesem Fall dazu, weniger Müll zu produzieren oder den entstandenen Müll so zu entsorgen, dass er weiterverarbeitet werden kann. Wie gut das funktioniert, hat eine Studie der israelischen Ben-Gurion-Universität untersucht, die 2025 in der Fachzeitschrift Waste Management & Research erschien. Die Wissenschaftler:innen untersuchten, ob eine Mischung aus Verhaltensanreizen und einer geringen finanziellen Entlohnung dazu führt, dass die Bewohner:innen verschiedener Gemeinden ihren Müll trennen. Rund 600 Haushalte nahmen an diesem Experiment teil.
Welche Nudges wurden eingesetzt? Die Teilnehmer:innen bekamen einmal pro Woche eine Nachricht mit der Erinnerung, ihren Müll zu trennen. Diese Nachricht enthielt außerdem Informationen zum Umweltschutz oder Bilder aus Recyclinganlagen. Diese „Stupser“ sollten die Haushalte zu mehr Mülltrennung motivieren. Die Familien berichteten wöchentlich, wie viel Müll sie in der vergangenen Woche getrennt hatten. Daraufhin schickte die Projektleitung Informationen über die Höhe der Belohnung, die sie durch die Mülltrennung erhalten würden, sowie ein ausgiebiges Lob für ihren Beitrag zum Umweltschutz.
Doppelt so viel korrekt getrennte Wertstoffe
Um die Effektivität der Kombination aus Nudges, Selbstreport und finanzieller Entlohnung zu überprüfen, verglichen die Wissenschaftler:innen die Müllmenge der teilnehmenden Haushalte mit der anderer Gemeinden. Das Ergebnis: Die teilnehmenden Familien sammelten doppelt so viele getrennt gesammelte Wertstoffe wie die Kontrollgruppe. Auch die Einstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Mülltrennung veränderte sich deutlich, wie die Auswertung von Fragebögen zeigte. Vor allem die Kinder lernten laut Einschätzung der Forschenden, wie wichtig eine richtige Abfalltrennung ist.17
Kleine Anstupser können also dabei helfen, das Müllproblem zu reduzieren. Diese Ansicht teilt das Institut der Deutschen Wirtschaft. Im November 2023 veröffentlichte die Wirtschaftswissenschaftlerin Jennifer Potthoff verschiedene Möglichkeiten, wie sich mithilfe von Nudges die Verschmutzung deutscher Städte reduzieren lässt. Beispielsweise empfiehlt sie, Poster mit humoristischen Sprüchen in der Nähe von Mülleimern zu platzieren, die das korrekte Entsorgen bewerben. Ein Beispiel für einen solchen Slogan lautet: „Beifall für Abfall? Klar, wenn er reinfällt!“ Ebenfalls wirksam sind Markierungen auf dem Boden, wie Fußspuren zum nächsten Mülleimer. Durch solche einfachen Reize werfen mehr Menschen ihren Müll in den Eimer statt in die Umwelt. Das zeigt ein Feldexperiment, das 2019 in Köln durchgeführt wurde. In dem Kontrollbereich, in dem keine Nudges eingesetzt wurden, blieb die Verschmutzung laut Messungen der Kölner Stadtreinigung gleich hoch.18
Nudges für weniger Zigarettenstummel auf dem Boden
Wobei können solche Anstupser noch helfen? Sie bringen Raucher:innen dazu, Zigarettenstummel korrekt zu entsorgen. Das zeigt ein Feldexperiment, das 2020 vor einem Irish Pub in der Bonner Innenstadt durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler:innen testeten den Einsatz verschiedener Nudges: So kennzeichneten sie die Aschenbecher farblich deutlich. Außerdem wiesen Markierungen auf dem Boden mit dem Hinweis „Nur 10 Schritte zur Nachhaltigkeit!“ den Weg zum nächsten Aschenbecher. Durch diese Maßnahmen wurde nur noch etwa 25 Prozent der Zigarettenstummel auf den Boden geworfen. Ohne die Anstupser waren es 50 Prozent.19
Potthoff nennt noch weitere Möglichkeiten, um Menschen durch solche einfachen Methoden zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Müll zu bewegen. Denn egal, wie effizient Künstliche Intelligenz den Müll sortiert oder wie innovativ Plastikalternativen sind – die Lösung des Müllproblems hängt nicht zuletzt vom Verhalten der Menschen ab.
- 1
Deutschlandfunk (Hg.): Vor 150 Jahren – Zelluloid: Der Auftakt ins Kunststoffzeitalter, auf: deutschlandfunk.de (15.6.2019).
- 2
Deutsche Welle (Hg.): Lösen Mehlwürmer unser Plastikproblem?, auf: dw.com (14.11.2020), Min. 2:36-4:20.
- 3
ZDF (Hg): Eine Gesellschaft ohne Müll, auf: zdf.de (12.11.2025), ab Min. 6:30.
- 4
The Ocean Cleanup (Hg.): What is the great pacific garbage patch?, auf: theoceancleanup.com.
- 5
The Ocean Cleanup (Hg.): Cleaning up the garbage patches, auf: theoceancleanup.com.
- 6
Hanke, Wolfram: Würzburger Müllsortier-Start-up holt Deutschen Gründerpreis, auf: br.de (25.9.2024).
- 7
ZDF (Hg.): Sichern Start-ups unseren Wohlstand?, auf: zdf.de, (23.9.2024), ab Min. 1:50.
- 8
Ebd., ab Min. 2:30.
- 9
Ebd., ab Min. 3:19.
- 10
WeSort.ai (Hg.): Battery.Sort verhindert Großbrände in Recyclinganlagen, auf: wesort.ai (Stand 19.2.2026).
- 11
NDR (Hg.): Illegal entsorgte Akkus und Batterien: Die Brandgefahr im Müll, auf: ndr.de (12.9.2025).
- 12
Traceless materials GmbH (Hg.): Pioneering a new generation of materials, auf: traceless.eu (Stand 19.2.2026).
- 13
ZDF (2025), ab Min. 2:20.
- 14
Otto (Hg): Von Plastik keine Spur, auf: otto.de (Stand 19.2.2026).
- 15
Christoph, Maria: Diese 5 Start-ups stellen alternative Verpackungen her, auf: br.de (19.6.2020).
- 16
Tagesschau (Hg.): Einweg-Plastik-Verpackungen ab 2030 tabu, auf: tagesschau.de (24.2.2024).
- 17
Zadik, Yair;Katz, Hagai: Changing household waste separation behaviour through monetary incentives, nudges and unverified self-reports, in: Waste Management & Research: The Journal for a Sustainable Circular Economy 43(12), 2025, S. 2133-2143.
- 18
Potthoff, Jennifer: Green Nudging – a key against littering?, in: IW-Policy Paper 10/2023, S. 13.
- 19
Ebd. S.12-13.