Wie die AfD von der Geschichte des Bergbaus profitiert
Nach der Bundestagswahl 2025 geriet die Stadt Gelsenkirchen in den Fokus politischer Analysen. Erzielte die SPD 2013 in Gelsenkirchen noch ihr deutschlandweit bestes Ergebnis, wurde sie nun von der AfD überholt, die nach Zweitstimmen stärkste Partei im Wahlkreis wurde. Was war passiert?

Die meisten Erklärungsversuche verweisen auf aktuelle soziale Probleme, wie die Armutsmigration in sogenannte Schrottimmobilien, verfallende Häuser, die an Einwanderer aus Südosteuropa vermietet werden. Diese Entwicklungen spielen eine Rolle, sind allerdings eher Symptome grundlegenderer Probleme. Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die tieferen Ursachen mehr als 300 Millionen Jahre zurückreichen könnten.
Die politische Verschiebung im nördlichen Ruhrgebiet ist demnach eine späte Folge der regionalen Bergbaugeschichte. Wie stark die AfD in verschiedenen Teilen des Ruhrgebiets ist, hängt damit zusammen, wann dort der industrielle Kohleabbau begann. Und das wiederum hängt mit der Entstehung der Kohlevorkommen vor rund 300 Millionen Jahren zusammen: je tiefer die Kohle unter der Erde lag, desto später wurde mit ihrem Abbau begonnen und desto stärker ist dort heute die AfD.
Die Zeiten, in denen das Ruhrgebiet – mit mehr als fünf Millionen Einwohnern noch immer der größte Ballungsraum Deutschlands – politisch fest in der Hand der SPD war, sind vorbei. Obwohl alle Städte an Ruhr und Emscher historisch von Kohle und Stahl lebten und gleichermaßen vom Niedergang dieser Industrien betroffen waren, wird heute in der Region sehr unterschiedlich gewählt.
Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in Bochum, der südöstlichen Nachbarstadt Gelsenkirchens, 15 Prozent der Stimmen – rund zehn Prozentpunkte weniger als in Gelsenkirchen und auch deutlich weniger als im Bundesschnitt.

Auch in anderen Städten des nördlichen Ruhrgebiets, etwa in Herne oder Oberhausen, schnitt die AfD deutlich besser ab als im Süden der Region. In den größten Städten – Dortmund, Essen und Duisburg – kann man dieses Nord-Süd-Gefälle sogar innerhalb der Stadtgrenzen beobachten. Wie lässt sich dieses Muster erklären?
Je tiefer die Kohlevorkommen, desto höher die AfD-Wahlergebnisse
Die Unterschiede in den Wahlergebnissen sind eine Folge der Spaltung des Ruhrgebiets in zwei Teile, einen wirtschaftlich stärkeren Süden und einen strukturschwächeren Norden. Ob Arbeitslosigkeit, Mietniveau oder Abiturquote, bei vielen sozialen Indikatoren zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle. Die Grenze zwischen den beiden Teilen wird häufig als „A40-Äquator“ bezeichnet, eine soziale Trennlinie, die entlang der Autobahn 40 verläuft.
Die Ursachen für diese Spaltung liegen jedoch lange vor dem Bau der Autobahn. Sie reichen zurück in die Zeit, in der das Ruhrgebiet in seiner heutigen Form entstand. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwandelten Kohle und Stahl eine bäuerlich geprägte Landschaft innerhalb weniger Jahrzehnte in die größte Industrieregion Europas. Zwischen 1840 und 1905 verzehnfachte sich die Einwohnerzahl des Ruhrgebiets: sie wuchs von weniger als 250.000 auf 2,5 Millionen Menschen an.

Dieser Industrialisierungsprozess verlief jedoch nicht in allen Teilen der Region parallel. Stattdessen begann der Bergbau im Süden der Region und verlagerte sich dann schrittweise nach Norden – ein Prozess, der als Nordwanderung bezeichnet wird.
In den südlichen Bezirken des Ruhrgebiets wurden Bergwerke, sogenannte Zechen, bereits im 18. oder frühen 19. Jahrhundert eröffnet. In Gelsenkirchen setzte der Bergbau im Süden der Stadt dagegen erst nach 1850 ein, im Norden sogar erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Grund für die Nordwanderung waren die geologischen Verhältnisse: Im Süden lag die Kohle nahe der Erdoberfläche und konnte daher über waagerecht in die Hänge des Ruhrtals getriebene Stollen abgebaut werden. Je weiter man nach Norden kommt, desto tiefer lag die Kohle unter der Erde. Dort mussten tiefere Schächte gebaut werden, die erst nach der Einführung der Dampfmaschine betrieben werden konnten.
Wie tief die Kohle unter der Erdoberfläche lag, bestimmte somit nicht nur, wann mit dem Bergbau in einer Gemeinde begonnen, sondern auch, wie die Kohle gefördert wurde. Später gebaute, tiefere Schächte erforderten nämlich größere Anlagen, höhere Investitionen und größere Belegschaften.
Zwei Zechen, gebaut auf dem heutigen Gebiet der Stadt Essen, verdeutlichen diese Unterschiede: Die Zeche Carl Funke im Essener Süden, die im frühen 19. Jahrhundert als Stollenbetrieb gegründet und später auf Tiefbau umgestellt wurde, wuchs über Jahrzehnte langsam und beschäftigte 1912 etwa 1.000 Bergleute. In dem 1872 eröffneten Bergwerk Mathias Stinnes I–II im Essener Norden arbeiteten zu diesem Zeitpunkt bereits rund 3.400 Menschen.

Wie das Erbe der Industrialisierung das Wahlverhalten prägt
Die Studienergebnisse belegen, dass der Schwerpunkt der bergbaulichen Beschäftigung vor dem Ersten Weltkrieg genau in der Zone lag, in der die AfD heute besonders stark ist. Die Zahl der Bergleute im Jahr 1912 steht in einem deutlich engeren Zusammenhang mit den aktuellen Wahlergebnissen als der Zeitpunkt der Zechenschließungen seit 1950.
Das zeigt sich auch am Beispiel der Zechen Mathias Stinnes und Carl Funke: Obwohl beide Anlagen zu unterschiedlichen Zeiten gegründet worden waren, wurden sie fast gleichzeitig geschlossen: Mathias Stinnes im Jahr 1972 und Carl Funke im Jahr 1973. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten in beiden Bergwerken zwischen 2.000 und 3.000 Menschen. Carl Funke war durch Zusammenschlüsse mit anderen südlichen Bergwerken in den Jahren davor weiter gewachsen, während die Beschäftigtenzahl in Mathias Stinnes bereits gesunken war.
Obwohl beide Zechen beinahe gleichzeitig stillgelegt wurden, unterscheiden sich die aktuellen Wahlergebnisse in den jeweiligen Stadtteilen deutlich. In Karnap, dem nördlichen Stadtteil mit der Zeche Matthias Stinnes, erreichte die AfD bei der Bundestagswahl nahezu 28 Prozent der Zweitstimmen. Im südlichen Heisingen hingegen, wo sich der industrielle Bergbau aus einer Stollentradition heraus entwickelte, kam sie nur auf rund zehn Prozent.
Warum scheint der Bergbau des Jahres 1912 die aktuellen Wahlergebnisse stärker zu prägen als die Situation kurz vor den Zechenschließungen in den 1970er-Jahren?
Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie die Zechen im 19. Jahrhundert ihren wachsenden Arbeitskräftebedarf deckten. Für die immer größer werdenden Anlagen reichten die Bergleute aus der Region bald nicht mehr aus. Deshalb mussten die Bergwerke Arbeiter aus anderen Gegenden anwerben: zunächst aus Westfalen und dem Rheinland, später dann aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reichs.
Während 60 Prozent der Arbeiter bei Mathias Stinnes aus den deutschen Ostgebieten oder aus Österreich-Ungarn stammten, lag dieser Anteil bei Carl Funke nur bei etwa zehn Prozent.
Der Zuzug von Arbeitskräften brachte ein praktisches Problem mit sich: Wo sollten diese Menschen wohnen? Gemeinden, die bis dahin bäuerlich geprägt gewesen waren, mussten innerhalb weniger Jahre tausende neue Bewohner aufnehmen. Viele Zechen wurden deshalb selbst zu Bauherren und errichteten sogenannte Zechenkolonien, Arbeitersiedlungen in unmittelbarer Nähe der Schächte.
Auch hier spielte der Zeitpunkt der Zechengründung eine wichtige Rolle: Je später eine Zeche gegründet wurde, desto mehr investierte sie in den Wohnungsbau. Viele dieser Zechenkolonien existieren noch heute. Als erste größere Wohnsiedlungen prägten sie die Entwicklung ganzer Stadtteile. Die Menschen im Ruhrgebiet leben heute in einer Siedlungsstruktur, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus den technischen und ökonomischen Notwendigkeiten des Bergbaus entstand.
Diese Siedlungsstruktur trägt bis heute zur sozialstrukturellen Benachteiligung im nördlichen Ruhrgebiet bei. Mit dem Niedergang der Industrie wurden zwar die Zechen geschlossen, doch die angrenzenden Arbeitersiedlungen, die ursprünglich ausschließlich für die Bedürfnisse des Bergbaus errichtet worden waren, blieben bestehen.

Aufgrund sinkender Mieten und Immobilienpreise blieben viele Familien trotz fehlender wirtschaftlicher Perspektiven vor Ort. Zugleich ziehen vergleichsweise niedrige Mieten bis heute Einwanderer und Menschen mit geringem Einkommen und einem niedrigen Grad an formaler Bildung an.
Hinzu kommt, dass die industrielle Baustruktur die wirtschaftliche Erneuerung des nördlichen Ruhrgebietes erschwert: Industrieanlagen wirkten teilweise wie Barrieren zwischen Stadtteilen, verhinderten deren Zusammenwachsen und ließen sich nach dem Ende des Industriezeitalters nur mit großem Aufwand umnutzen. Je größer das Zechengelände, desto größer waren auch die Herausforderungen.
Das südliche Ruhrgebiet lebte ebenfalls von der Kohle, dort wurden jedoch kleinere Anlagen gebaut, die sich später leichter umstrukturieren ließen. Insgesamt wirkt die Industrialisierung des Ruhrgebiets bis heute nach: sowohl in der Stadtentwicklung als auch im Wahlverhalten.
Weiterführende Literatur:
Blossey, Nils; Haffert, Lukas; Stoetzer, Lukas: Coal Rush: The Built Legacy of the Industrial Revolution and the Rise of the Radical Right, SocArXiv, Version vom 16. Oktober 2025.