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Horrorstudien

Stanford-Prison-Experiment: Die inszenierte Studie

Ein psychologischer Versuch sorgt weltweit für Aufsehen – noch bevor er überhaupt wissenschaftlich ausgewertet ist. Das Stanford-Prison-Experiment gilt bis heute als Beweis dafür, dass ganz normale Menschen in bestimmten Situationen zu Tätern werden. Doch vieles daran war inszeniert. Eine spätere Studie zeigt: Nicht die Situation allein bestimmt das Verhalten, sondern die Dynamik innerhalb der Gruppe.

von
Stefanie Malleier
Veröffentlicht am 30.11.2025
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„Männliche Collegestudenten für psychologische Studie zum Gefängnisleben gesucht. 15 Dollar pro Tag für 1–2 Wochen.“1 Mit dieser Anzeige suchen Philip Zimbardo und sein Team 1971 nach Freiwilligen für ein Experiment, das klären soll, ob die Brutalität von Wärtern in US-Gefängnissen auf sadistische Persönlichkeitsmerkmale oder auf das Gefängnisumfeld zurückzuführen ist.

75 Freiwillige melden sich. Nach mehreren Auswahltests und Interviews werden 24 Männer als körperlich und psychisch geeignet eingestuft, davon nehmen 21 am Experiment teil – zehn übernehmen die Rolle der Gefangenen, elf die der Wärter. Schauplatz des Versuchs: der Keller des Psychologischen Instituts der Universität im kalifornischen Stanford.

Das Experiment beginnt mit der inszenierten „Festnahme“ der Gefangenen. Sie werden von der örtlichen Polizei aus ihren Wohnungen abgeführt – ohne Vorwarnung, um die Situation möglichst realistisch zu gestalten. In der nachgebauten Gefängnisumgebung erhalten sie Häftlingskleidung und werden fortan nur noch mit den ihnen zugewiesenen Nummern angesprochen. Die Wärter erhalten Uniformen, verspiegelte Sonnenbrillen, Schlagstöcke – und die Anweisung, ohne körperliche Gewalt alles Nötige zu tun, um für Ordnung zu sorgen.2

 

„Du kannst nicht aussteigen“

Bereits in der ersten Nacht peinigen die Wärter die Gefängnisinsassen mit Schlafentzug und Schikanen. Noch vor Ablauf von 24 Stunden kommt es zum Aufstand: Die Gefangenen verbarrikadieren ihre Zellen. Die Rebellion markiert einen Wendepunkt – die Wärter reagieren mit Härte: Sie dringen mit Gewalt in die Zellen ein, entkleiden die Insassen, entfernen die Betten und stecken die Anführer in Einzelhaft.

Die erste Revolte kann erfolgreich niedergeschlagen werden – doch eine neue Strategie muss her, um weitere Aufstände zu verhindern. Die Lösung: Zermürbung statt Gewalt. Die Wärter beginnen, die Häftlinge systematisch gegeneinander auszuspielen. Das Misstrauen unter den Gefangenen wächst, gleichzeitig erstarkt der Zusammenhalt der Wärter.3

Die Methode zeigt Wirkung. Die Gefangenen fügen sich zunehmend ihrem Schicksal. Richard Yacco, einer der Gefangenen, sagt später in einem Interview: „Als ich [Zimbardos Team] fragte, was ich tun könne, wenn ich aussteigen wolle, sagte man mir: ‚Du kannst nicht aussteigen – du hast zugestimmt, für die gesamte Dauer des Experiments hierzubleiben.‘ Das ließ mich in diesem Moment wie ein Gefangener fühlen. Mir wurde klar, dass ich eine Verpflichtung eingegangen war, die ich nun nicht mehr ändern konnte. Ich hatte mich selbst zum Gefangenen gemacht.“4

Nach nur 36 Stunden erleidet ein Teilnehmer einen psychischen Zusammenbruch. Der Gefangene Nummer 8612 schreit: „Ich glaube, um Himmels willen, ich werde hier verrückt! Versteht ihr nicht? Ich will raus! Das ist total kaputt! Ich halte das keine Nacht länger aus! Ich kann das einfach nicht mehr ertragen!“ In den nächsten Tagen folgen weitere Insassen seinem Beispiel.5 Nach sechs Tagen wird das Experiment abgebrochen – statt wie geplant nach zwei Wochen. Die Situation ist außer Kontrolle geraten: Gefangene zeigen auffällige Verhaltensweisen, einige Wärter agieren zunehmend sadistisch. Der Abbruch erfolgt aus zwei Gründen: Videoaufnahmen zeigen, dass die Wärter nachts, wenn sie sich unbeobachtet glaubten, die Demütigungen gezielt steigern. Außerdem interveniert Christina Maslach, die damalige Partnerin Zimbardos. Als einzige Außenstehende stellt sie das Geschehen offen infrage.

Am letzten Tag organisiert das Team Gesprächsrunden mit den Beteiligten. Es geht um Aufarbeitung, Reflexion und Austausch: Welche Alternativen hätten bestanden? Wie kann man in künftigen Situationen Machtmissbrauch erkennen – und ihm widerstehen?6

 

„Es kam mir nie in den Sinn, dass ich ein Gefängnis betrat“

Der Versuch erlangt als „Stanford-Prison-Experiment“ internationale Bekanntheit. Die Öffentlichkeit sei fasziniert von der Frage, wie „ganz normale Studenten zu so schrecklichen Taten fähig sein können, wenn sie in eine solche Situation geraten“, so Zimbardo.7 Seine Antwort: Die Probanden verhielten sich nicht wie Monster, weil sie grundsätzlich böse seien, sondern weil die Situation ihr Verhalten negativ beeinflusse.8 Neben großem medialen Interesse wird früh auch Kritik laut. Eine Untersuchung der American Psychological Association kommt zwar zu dem Schluss, dass das Experiment den damals geltenden berufsethischen Standards entsprochen hat – dennoch gilt es bis heute als umstritten.9

Methodisch fällt auf: Zimbardo übernimmt im Experiment eine doppelte Rolle – als wissenschaftlicher Studienleiter und zugleich als Gefängnisdirektor. Er setzt den Ton, beeinflusst Abläufe. Kritiker:innen argumentieren, Zimbardos aktive Beteiligung und seine Ermutigung der Wärter, für die Gefangenen ein Klima der Machtlosigkeit zu schaffen, habe – wenn auch unbeabsichtigt – zu den beobachteten Übergriffen beigetragen. Auch Zimbardo selbst bewertet seine Position später kritisch: „Ich war bereits in die Rolle des Gefängnisdirektors (...) hineingerutscht oder bin zu ihm geworden. Und in dieser Rolle war ich nicht mehr der Studienleiter, der sich um Ethik sorgt. (...) Ein Schwachpunkt des Experiments war, dass diese beiden Rollen nicht getrennt wurden.“

Neben der Studienleitung steht auch die Zusammensetzung der Teilnehmer:innen in der Kritik: fast ausschließlich weiße, gebildete Männer aus der amerikanischen Mittelschicht, die die Lebensrealität von echten Gefangenen und Wärtern nur unzureichend repräsentieren. Auch die Glaubwürdigkeit ihres Verhaltens wird infrage gestellt. Wie viel davon war authentisch – und wie viel gespielt?10 So gab Dave Eshelman, der während des Experiments durch besondere Brutalität auffiel, später an, bewusst eine Rolle gespielt zu haben – inspiriert von einer Figur aus dem Film Der Unbeugsame.11

Auch Douglas Korpi, der Gefangene Nummer 8612, räumte später ein, seinen Nervenzusammenbruch simuliert zu haben, um das Experiment vorzeitig verlassen zu dürfen.12 Kritiker:innen betonen: Trotz Zellen, Uniformen und Requisiten blieb das Setting eine künstliche Umgebung – und damit weit entfernt vom realen Gefängnisalltag. Das war auch den Gefangenen bewusst. „Es kam mir nie in den Sinn, dass ich ein Gefängnis betrat“, so Clay Ramsay, der Gefangene Nummer 416, später.13

 

Studie zutiefst fehlerhaft

Schon die Formulierung „Gefängnisleben“ in der ursprünglichen Zeitungsanzeige könnte das Verhalten der Probanden beeinflusst haben. Eine spätere Untersuchung der Psychologen Thomas Carnahan und Sam McFarland anhand von zwei Zeitungsanzeigen mit unterschiedlichem Wortlaut zeigt: Diejenigen, die glaubten, an einer Gefängnisstudie teilzunehmen, wiesen signifikant höhere Werte bei den psychischen Merkmalen Aggressivität, Autoritarismus, Machiavellismus, Narzissmus und sozialer Dominanz auf und erzielten niedrigere Werte bei Empathie und Altruismus.14

Überraschenderweise beantragte erst nach über 40 Jahren erstmals jemand Zugang zum Archivmaterial: Das Experiment hatte den französischen Soziologen und Filmemacher Thibault Le Texier beeindruckt, er wollte darüber einen Dokumentarfilm drehen. Was er fand, änderte seine Meinung über den Versuch grundlegend.15

In einem Artikel für die Fachzeitschrift American Psychologist geißelt er das Stanford-Prison-Experiment als „eine zutiefst fehlerhafte Studie, die besser früh in Vergessenheit geraten wäre“.16 Seine Analyse belegt unter anderem: Die Wärter handelten nicht spontan gewalttätig. Sie erhielten die klare Anweisung, „hart“ aufzutreten.17 Die Eskalation folgte also nicht zwangsläufig aus der Situation, sondern wurde künstlich erzeugt. Le Texier kritisiert auch die lückenhafte Datenlage. Am dritten Tag des Experiments wurden beispielsweise gar keine Daten erhoben – das Forschungsteam war damit beschäftigt, einen angeblich geplanten Ausbruch der Gefangenen zu verhindern, der sich später als Gerücht herausstellte.18

Wie konnte eine derart fehlerhafte Studie dennoch weltweite Bekanntheit erlangen? Laut Le Texier war das unter anderem Philip Zimbardo selbst geschuldet, der das Stanford-Prison-Experiment in die Öffentlichkeit rückte.19 Noch bevor es überhaupt ausgewertet war, verschickte er Bilder an Fernsehsender.20 Dabei stellte er sein Experiment häufig spektakulärer dar, als es eigentlich war. Die Studie sei wie „ein griechisches Drama“, so Zimbardo.21

Ein weiterer – und möglicherweise der interessanteste – Grund für die jahrzehntelange Unantastbarkeit des Versuchs liegt laut Le Texier in einem bemerkenswerten Desinteresse: Fast fünfzig Jahre lang sichtete niemand das Archivmaterial – obwohl das Experiment bereits früh kritisiert worden war.22

 

Britische Wiederholungsstudie kommt zu wichtiger Erkenntnis

Die Debatte zeigt, wie hartnäckig sich eingängige Narrative halten – und wie wichtig öffentliche Korrekturen sind. Drei Jahrzehnte nach Stanford entsteht ein Gegenentwurf des Experiments. 2001/2002 realisieren die britischen Sozialpsychologen Alexander Haslam und Stephen Reicher im Auftrag der BBC eine Gefängnissimulation. Gleiches Thema, anderes Design: Ein unabhängiges Ethikkomitee überwacht das Experiment, die Abläufe werden transparent dokumentiert und zwei Psychologen sowie Rettungssanitäter und Sicherheitskräfte begleiten den Versuch. Die Teilnehmer werden wieder ähnlich ausgewählt: Eine Anzeige in britischen Zeitungen wirbt Männer für die Studie an, dieses Mal jedoch, ohne das Gefängnisleben zu erwähnen. Nach umfassenden psychologischen Tests und Interviews werden 15 Männer ausgewählt – fünf Wärter, zehn Gefangene –, die für acht Tage in ihre jeweiligen Rollen schlüpfen.23

Das Ergebnis der BBC-Studie widerspricht dem Stanford-Narrativ. Die Wärter identifizieren sich kaum mit ihrer Rolle, scheuen harte Maßnahmen, verlieren Autorität. Die Gefangenen dagegen bauen Schritt für Schritt ein „Wir“ auf: Sie formulieren Regeln, definieren gemeinsame Ziele, unterstützen einander. Am Ende formen sie eine solidarische Gruppe.

Tyrannei, so zeigt die Studie, ist kein situationsbezogener Automatismus. Haslam und Reicher erklären dies damit, dass Rollen erst dann wirken, wenn Menschen sie zu einem Teil ihrer Identität machen. Es ist ein Unterschied, ob eine Rolle von außen auferlegt wird – oder ob jemand denkt: „Das bin ich.“ Im Studienkontext lässt sich feststellen: Gemeinsame Identität schafft gemeinsame Werte und Ziele – eine kollektive Selbstverwirklichung. Sie erzeugt Respekt und gegenseitige Unterstützung. Das wirkt auf einer psychologischen Ebene, sorgt für weniger Stress, weniger Niedergeschlagenheit, selbst unter harten Bedingungen. Bei den Gefangenen führte eine gemeinsame Identität dazu, dass sie sich als Gruppe organisierten und an Einfluss gewannen. Umgekehrt führte der Mangel an Zusammenhalt bei den Wärtern zu Erschöpfung und Frust.24

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Welche Richtungen Gruppen einschlagen, hängt maßgeblich von ihrem Erfolg ab. Wenn Gruppen scheitern, steigt die Anfälligkeit für einfache Lösungen – auch für autoritäre. In solchen Momenten wächst die Bereitschaft, einer starken Führungsfigur zu folgen. Laut Haslam und Reicher sollte die Antwort auf Tyrannei kein generelles Misstrauen gegenüber Macht sein, sondern der verantwortliche, demokratische Umgang damit. So ließen sich autoritäre Dynamiken eindämmen.25

Was bedeutet das jenseits des Studienumfelds? Für Staaten, Polizei, Militär, Gefängnisse – aber auch für Unternehmen und Institutionen – ist entscheidend, welcher Rahmen für Macht geschaffen wird. Welche „Wir-Geschichte“ erzählt wird.

 

Tyrannei entsteht nicht, weil Menschen von Natur aus grausam sind

In einem Artikel aus dem Jahr 2012 schreiben Haslam und Reicher über den NS-Verbrecher Adolf Eichmann: „Was an Eichmann wirklich erschreckend war, war nicht, dass er nicht wusste, was er tat, sondern dass er wusste, was er tat, und es für richtig hielt. Sein einziges Bedauern, das er vor seinem Prozess äußerte, bestand darin, nicht noch mehr Juden getötet zu haben.“

Tyrannei, so die These der Sozialpsychologen, entsteht nicht, weil Menschen von Natur aus grausam sind, oder weil eine Situation das „Böse“ in ihnen weckt. Sie entsteht, wenn Autoritäten Unterdrückung als sinnvoll darstellen – und wenn Menschen diese Sichtweise übernehmen. Diese Überzeugung treibt sie an. Im Stanford-Prison-Experiment wurden beispielsweise gewalttätige Handlungen als Beitrag zu etwas Gutem gerahmt, etwa zu wissenschaftlichem Fortschritt. Statt der „Natur“ des Menschen sollte also sein Umfeld in den Mittelpunkt gerückt werden – und wie es sein Verhalten formt.26 

 

 

  1. 1

    Ratnesar, Romesh: The Menace Within, auf: stanfordmag.org (Juli/August 2011).

  2. 2

    McLeod, Saul: Stanford Prison Experiment, auf: simplypsychology.org (6.5.2025).

  3. 3

    Zimbardo, Philip G.: 5. Rebellion, auf: prisonexp.org

  4. 4

    Ratnesar 2011.

  5. 5

    Bregman, Rutger: Im Grunde gut, 10. Aufl., Hamburg 2021, S. 169.

  6. 6

    Zimbardo, Philip G.: 8. Conclusion, auf: prisonexp.org.

  7. 7

    Ratnesar 2011.

  8. 8

    Bregman 2021, S. 170.

  9. 9

    Ratnesar 2011.

  10. 10

    McLeod 2025.

  11. 11

    Ratnesar 2011.

  12. 12

    Bregman 2021, S. 182.

  13. 13

    McLeod 2025 / Le Texier, Thibault: Debunking the Stanford Prison Experiment, in: American Psychologist 74(7) 2019, S. 11.

  14. 14

    Carnahan, Thomas; McFarland, Sam: Revisiting the Stanford Prison Experiment: Could Participant Self-Selection Have Led to the Cruelty?, in: Personality and Social Psychology Bulletin 33 (2007), S. 603.

  15. 15

    Bregman 2021, S. 178.

  16. 16

    Le Texier 2019, S. 14.

  17. 17

    Ebd., S. 5.

  18. 18

    Ebd., S. 12.

  19. 19

    Ebd., S. 13.

  20. 20

    Bregman 2021, S. 182.

  21. 21

    Le Texier 2019, S. 13.

  22. 22

    Ebd., S. 14.

  23. 23

    BBC (Hg.): The end, auf: bbcprisonstudy.org (2008) / BBC (Hg.): Ethical safeguards, auf: bbcprisonstudy.org (2008) / BBC (Hg.): Dividing into prisoners and guards, auf: bbcprisonstudy.org (2008).

  24. 24

    BBC (Hg.):Roles and identities, auf: bbcprisonstudy.org (2008) / BBC (Hg.): Identity, organization and power, auf: bbcprisonstudy.org (2008) / BBC (Hg.): The psychology of tyranny, auf: bbcprisonstudy.org (2008).

  25. 25

    Ebd.

  26. 26

    Haslam, Alexander; Reicher, Stephen: Contesting the “Nature” Of Conformity: What Milgram and Zimbardo‘s Studies Really Show, auf: journals.plos.org (20.11.2012).