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Studie

Kriegsbefürworter sind auch für mehr Umverteilung

Studie: „The effect of war on redistribution preferences“ von Alexei Zakharov und Philipp Chapkovski (Dezember 2024) Kurz: Russinnen und Russen, die den Krieg gegen die Ukraine gutheißen, befürworten ebenfalls eine stärkere staatliche Umverteilung.

vonRedaktion
Veröffentlicht am 06.12.2025
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Ändert Krieg die Haltung der Bevölkerung zu staatlicher Umverteilung – also etwa dazu, Arbeitslosen einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten oder bedürftigen Menschen Wohnraum zu bieten? Um diese Frage zu beantworten, haben zwei Forscher der Universitäten Yale und Bonn fast 4.000 Menschen aus Russland im Dezember 2022 auf der Plattform Toloka befragt. Dort können Teilnehmer kleine Aufgaben gegen Bezahlung oder einen Bonus erledigen – in diesem Fall sollten sie die Fragen der Wissenschaftler beantworten.

Die Untersuchung erfolgte in zwei Etappen: Zuerst wurden demografische Merkmale erhoben, dann mittels eigens entwickelter Kriterien das Vertrauen in staatliche Institutionen sowie prosoziale Einstellungen ermittelt. Für Letzteres wurden die Teilnehmenden unter anderem gefragt, wie viel sie bereit wären, für wohltätige Zwecke zu spenden, sollten sie zufällig 30.000 Rubel (etwa 380 Euro zum Zeitpunkt der Studie) erhalten. Dies gab Aufschluss darüber, wie uneigennützig jemand handelt.

Einige Tage später wurden die Teilnehmenden zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt, die sich in der Reihenfolge der Fragen und Aufgaben unterschied: In der ersten Gruppe, der Kontrollgruppe, wurden zuerst, ähnlich wie in Teil eins, das Vertrauen in die Regierung und die prosozialen Einstellungen der Teilnehmenden erhoben. Anschließend wurden sie gebeten, ihre Ansichten zu Umverteilung und Staatsausgaben anzugeben. Zuletzt sollten sie zwei Blöcke von Fragen zum laufenden Krieg gegen die Ukraine beantworten. Der erste konzentrierte sich auf das Bewusstsein für die „militärische Operation“ und die Unterstützung der russischen Seite in dem Konflikt. Der zweite Block legte das Hauptaugenmerk auf die potenziellen Kosten des Krieges und bat die Teilnehmenden, die Wahrscheinlichkeit verschiedener negativer Folgen einzuschätzen – wie etwa einer Einberufung in die Armee oder des Einsatzes von Atomwaffen.

Die zweite Gruppe wurde direkt zu Beginn der Ergebung über ihre Einstellung zum Krieg befragt und die dritte Gruppe musste zusätzlich auch die negativen Kriegsfolgen zu Beginn der Befragung einschätzen. So sollten sie auf unterschiedliche Aspekte des Krieges aufmerksam gemacht werden. Diese beiden Gruppen wurden erst danach zu ihren Positionen zu staatlicher Umverteilung und ihren prosozialen Einstellungen befragt.

Die Forscher fanden insbesondere heraus, dass die Wirkung des Krieges auf persönliche Einstellungen zu Umverteilung davon abhängt, wie die Menschen zum Krieg stehen.

Unter den Kriegsbefürwortern zeigte sich der sogenannte „Rally round the flag“-Effekt: Wenn sie an den Krieg erinnert wurden, nahm ihr Vertrauen in die Regierung zu. Genauso stieg bei ihnen die Bereitschaft zur Umverteilung. Die Erinnerung an die Kosten des Krieges änderte daran nichts.

Bei den Kriegsgegnern war das anders: Der „Rally round the flag“-Effekt war deutlich schwächer, insbesondere dann, wenn die Kriegskosten hervorgehoben wurden. In diesem Fall verringerte sich ihre Bereitschaft zur Umverteilung sogar.

Bei den Kriegsbefürwortern erhöhte sich auch die prosoziale Einstellung, wenn sie an den Krieg erinnert wurden – dass dies der Grund für die höhere Umverteilungsbereitschaft war, konnte allerdings nicht festgestellt werden.

Die Forscher vermuten, dass sich die Ergebnisse auf andere autoritäre Länder mit schwachen Institutionen übertragen lassen. Ein größeres Vertrauen in die Regierung kann dort zu größerer Unterstützung für eine umverteilende Politik führen. Kriegsbefürworter halten an Umverteilung fest, selbst wenn ein Krieg hohe Kosten verursacht – Gegner hingegen wollen in diesem Fall weniger Umverteilung.