Geht es um Politik, ist Streit besser als Harmonie
Studie: „How in-person conversations shape political polarization: Quasi-experimental evidence from a nationwide initiative“ von Ximeng Fang, Sven Heuser und Lasse S. Stötzer (Januar 2025)
Kurz: Gespräche mit Gleichgesinnten verstärken die eigenen politischen Ansichten, während Unterhaltungen mit Andersdenkenden negative Einstellungen gegenüber politischen Gegnern abbauen und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Forschende aus Italien, Deutschland und Großbritannien haben untersucht, wie Gespräche zwischen politisch Gleichgesinnten und zwischen Andersdenkenden, die sich vorher nicht kannten, deren persönliche Polarisierung beeinflussen. Grundlage waren Daten aus dem Format Deutschland spricht. Es wurde 2017 von Zeit Online ins Leben gerufen, um Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten miteinander ins Gespräch zu bringen. Um daran teilzunehmen, müssen sieben Ja/Nein-Fragen beantwortet werden – von Migration und Grenzkontrolle bis hin zur Klimapolitik. Der Datensatz der Wissenschaftler für die Studie umfasste 19.141 Teilnehmer, die den Fragebogen ausgefüllt und sich erfolgreich registriert hatten.
Die Forschenden arbeiteten mit den Organisatoren des Formats zusammen und nutzten die Antworten aus dem Registrierungsfragebogen. Anhand der politischen Ansichten und des Wohnorts wurden Gesprächspaare erstellt, deren politische Einstellungen entweder ähnlich oder gegensätzlich waren – je nachdem, ob die Beteiligten weniger oder mehr als die Hälfte der Registrierungsfragen unterschiedlich beantwortet hatten. Sie wurden einander per E-Mail vorgestellt und bekamen ein Treffen vorgeschlagen, das nur dann zustande kam, wenn beide akzeptierten.
Alle registrierten Teilnehmenden erhielten von den Deutschland spricht-Organisatoren zwei Umfragen, die die Forschenden entworfen hatten. Bei der ersten, fünf Tage vor dem Gesprächstermin, wurden die Erwartungen an das Gespräch sowie die politischen Einstellungen, Überzeugungen und Haltungen gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen erfasst. Die anschließende Unterhaltung dauerte im Schnitt fast zweieinhalb Stunden und lief frei und unbeobachtet ab. Als die am häufigsten diskutierten Themen gaben die Teilnehmenden Grenzkontrollen, autofreie Innenstädte und Muslime in Deutschland an.
Die zweite, abschließende Umfrage enthielt Fragen zum Treffen selbst – ob es stattgefunden hatte, welche Themen besprochen wurden und wie die Teilnehmenden die Erfahrung wahrnahmen. Zudem wurden erneut die politischen Einstellungen und Überzeugungen erfasst, anhand derer die Forschenden anschließend den Einfluss der Gespräche analysierten. Insgesamt schlossen 5.270 Teilnehmende die erste Umfrage ab, 2.645 Teilnehmende absolvierten beide Befragungen. 95 Prozent aller Teilnehmenden gaben an, die Gesprächsatmosphäre sei angenehm gewesen.
Die Ergebnisse weisen ein klares Muster auf: Gespräche mit Gleichgesinnten führten zu einer Zunahme ideologischer Polarisierung – die politischen Positionen der Teilnehmenden wurden extremer. Bei Gesprächen zwischen Andersdenkenden hingegen konnte keine Veränderung der politischen Ansichten festgestellt werden, weder in abschwächender noch in verstärkender Richtung.
Allerdings hatten die Gespräche zwischen Andersdenkenden deutliche Auswirkungen auf die sogenannte affektive Polarisierung, also die Einstellung gegenüber politischen Gegnern: Negative Stereotype nahmen deutlich ab. Dieser Effekt trat bei Gesprächen mit Gleichgesinnten dagegen nicht auf. Bei der Frage, ob die Teilnehmenden auch zu engerem sozialen Kontakt mit der ideologischen Gegengruppe bereit seien, waren die Ergebnisse weniger eindeutig. Die Forschenden vermuten jedoch, dass Gespräche zwischen Andersdenkenden diese Bereitschaft erhöhen – während Gespräche mit gleichgesinnten Partnern sogar einen negativen Effekt haben könnten.
Darüber hinaus verbesserte sich nach dem Gespräch mit einem Partner, der andere politische Ansichten vertrat, das Gefühl gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit, gemessen daran, als wie vertrauenswürdig und prosozial eingestellt andere Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden.





