Elternschaft: Frauen verlieren mehr Einkommen als gedacht
Studie: „Child Penalty Estimation and Mothers’ Age at First Birth“ von Valentina Melentyeva und Lukas Riedel (Juli 2025)
Kurz: Frauen in Deutschland verdienen nach der Geburt ihres ersten Kindes noch weniger, als bisherige Studien vermuten ließen.
Der Einkommensverlust von Müttern nach der ersten Geburt ist in Deutschland deutlich größer als bislang angenommen. Eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim und der Universität Tilburg zeigt: Im vierten Jahr nach der Geburt ihres ersten Kindes verdienen Mütter im Schnitt fast 30.000 Euro weniger als gleichaltrige Frauen ohne Kinder – mit spürbaren Folgen für Karriere und Rente. Frühere Schätzungen gingen von rund 20.000 Euro aus und unterschätzten die Gehaltseinbußen durch Mutterschaft damit um ein Drittel.
Besonders betroffen sind junge Mütter. Wer vor dem 30. Geburtstag ein Kind bekommt, verpasst entscheidende Jahre mit starkem Lohnwachstum und wichtigen Karriereschritten. Frauen, die erst später Mutter werden, haben sich meist schon im Beruf etabliert und können den Einschnitt besser abfedern. „Je älter und damit berufserfahrener die Mutter, desto geringer sind nach einigen Jahren die Verluste gegenüber dem Einkommen vor der Geburt“, sagt Co-Autor Lukas Riedel vom ZEW. Jüngere Mütter könnten „den Karriererückstand nach der Geburt oft nicht mehr aufholen“.
Die Forscher:innen nutzten für ihre Analyse Daten von mehr als 186.000 Müttern aus den Jahren 1975 bis 2021. Sie belegen, dass die gängigen Schätzmethoden Schwächen aufweisen: Da das Alter bei der ersten Geburt nicht in die Berechnungen einfließt, werden Frauen miteinander verglichen, die bereits Kinder geboren haben – was zu verzerrten Ergebnissen führt. Das ZEW-Team entwickelte ein angepasstes Verfahren: Es vergleicht Mütter nur mit gleichaltrigen kinderlosen Frauen und bildet so realistischer ab, wie sich das Einkommen ohne Geburt entwickelt hätte.
Langfristig wird die Lohnlücke in Deutschland auch durch strukturelle Faktoren verstärkt: Traditionelle Rollenbilder und mangelnde Betreuungsangebote erschweren häufig den Wiedereinstieg in die Vollzeitarbeit. Viele Frauen arbeiten nach der Geburt dauerhaft in Teilzeit und erreichen ihr früheres Gehaltsniveau nie wieder – mit Folgen bis in die Rente. Der Einkommensknick durch Mutterschaft bleibt damit einer der stärksten Faktoren für wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Frauen und Männern.
