Internationale Filmindustrie

Bollywood, Nollywood, Hollywood

Sieben der zehn umsatzstärksten Filme weltweit im Jahr 2023 wurden allesamt in den USA produziert, die meisten davon in Hollywood. Das lässt vermuten, dass das nordamerikanische Land fast konkurrenzlos die Filmindustrie dominiert. Dabei stimmt das gar nicht. Vor allem Filmmärkte aus asiatischen oder afrikanischen Ländern konnten in den letzten Jahren ihren Anteil am globalen Film- und Serienmarkt beachtlich steigern.

vonCornelia Schimek und Stefanie Malleier
Veröffentlicht am 01.01.2025
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Wo werden die meisten Filme gedreht? Natürlich in Indien. Bollywood produziert jährlich um die 1.500 bis 2.000 Filme. Hollywood dagegen bringt es auf 500 bis 750 Streifen.1 Neben diesen bekannten Filmindustrien gibt es noch einen dritten, riesigen Akteur: Nollywood. Denn auch in Nigeria entstehen jedes Jahr bis zu 2.500 Filme.2 Die Filmindustrie ist dort mittlerweile der zweitgrößte Arbeitgeber, nach der Landwirtschaft.3 Im Jahr 2021 erwirtschaftete sie 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.4 Zum Vergleich: Die Autoindustrie macht in Deutschland etwa 5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.5 Als das nigerianische Statistikamt 2014 bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes neben anderen Faktoren zum ersten Mal die Filmindustrie einbezog, erhöhte sich das BIP schlagartig um 86 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.6

Der Erfolg der nigerianischen Filmindustrie begann aber schon deutlich früher. 1992 kam Living in Bondage heraus, der als erster Nollywood-Film gilt. Er handelt von einem Mann, der unbedingt reich und erfolgreich werden will. Der Macher des Thrillers, Kenneth Nnebue, kaufte damals VHS-Kassetten, drehte den Film mit einem Budget von 12.000 Dollar und verkaufte die Videos. Der Film war überaus erfolgreich, obwohl er nie in einem Kino lief7 oder anderweitig beworben wurde. Er verbreitete sich allein über Mundpropaganda.

Ablenkung von der Militärdiktatur

In den Jahren darauf folgten viele weitere solcher Produktionen: ohne professionelle Ausrüstung, ohne ausgebildete Regisseur:innen und mit kleinem Budget. Gedreht wurde oft in nur wenigen Tagen oder Wochen. So entstanden Hunderte Filme. Ein ehemaliger Filmemacher aus Nollywood erklärte in einer Arte-Dokumentation, dass seine Landsleute sich mit den Filmen von politischen Spannungen und Unruhen ablenkten. In den Neunzigerjahren herrschte in Nigeria eine Militärdiktatur, die meisten schauten aus Sicherheitsgründen die Filme zuhause.8 Als die Militärherrschaft 1999 endete und Meinungs- und Pressefreiheit weitgehend wiederhergestellt wurden, veränderten sich auch die Inhalte der Produktionen: Die Filme wurden politischer und thematisierten auch die Gewalt zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen Nigerias.

Die nigerianische Filmindustrie hat sich seitdem professionalisiert. Ihre Produktionen sind heute vielfältiger und zeigen mitunter auch ein progressives Frauenbild. Allgemein gilt: Die Inhalte sind im Vergleich zu Hollywood-Produktionen sehr nahe an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Ein weiterer Unterschied: der Umsatz. Hollywood-Filme bringen immer noch sehr viel mehr Geld als nigerianische Produktionen. So spielte der Hollywood-Erfolg Avatar beispielsweise 2,8 Milliarden Dollar ein. Der zweite Teil des Nollywood-Blockbusters The Wedding Party – einer der erfolgreichsten Filme des Landes – hingegen nur 1,4 Millionen.9

Die romantische Komödie wurde in Lagos gedreht. Die Millionenstadt im Süden gehört zu den wichtigsten Dreh- und Produktionsorten. Der Staat finanziert dort eine kostenlose Filmhochschule, um die Filmindustrie des Landes zu stärken. Das Ergebnis dieser Professionalisierung: Nigerianische Werke sind weltweit erfolgreich. So zum Beispiel der Thriller The Black Book, der von rund 20 Millionen Nutzer:innen geschaut wurde und 2023 Platz drei der globalen Netflix-Charts erreichte. Und das, obwohl die Produktion gerade einmal eine Million Euro gekostet hatte – zu dem Zeitpunkt eine Rekordsumme.10

Die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten stammt aus Südkorea

Auch einen weiteren Netflix-Rekord hält eine Serie, die nicht in den Vereinigten Staaten gedreht wurde. Squid Game, eine südkoreanische Produktion, wurde 2021 zur meistgesehenen Netflix-Show aller Zeiten11 – und konnte diesen Titel bis heute verteidigen. Die erste Staffel der Serie wurde über 265 Millionen Mal gestreamt und liegt damit knapp vor der beliebtesten englischsprachigen Serie Wednesday, mit rund 252 Millionen Streams.12 Obwohl die USA die globale Film- und Serienindustrie noch immer dominieren, können sich auch asiatische Filme immer stärker auf dem internationalen Filmmarkt durchsetzen. Auf jeder Rangliste der weltweit größten Filmindustrien sind neben den Giganten USA und Nigeria auch asiatische Länder zu finden. Indien natürlich, aber auch China, Japan und Südkorea zählen zu den führenden Ländern in der Branche.

Squid Game ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte aus Südkorea. Das Land ist bekannt dafür, qualitativ hochwertige Filme und Serien mit überschaubaren Budgets zu produzieren.13 2020 gewann Parasite von Regisseur Bong Joon-ho vier Oscars, darunter den für den besten Film – und ist damit das erste südkoreanische und nichtenglischsprachige Werk, das diesen Preis gewonnen hat. Der große Erfolg südkoreanischer Produktionen hat dem Land weltweit hohes Ansehen eingebracht. Doch mit dem guten Ruf lastete auch ein enormer Druck auf der Filmbranche Südkoreas. Das Land konnte nicht mehr an die einstigen Erfolge anknüpfen. Die Pandemie tat ihr Übriges, um die Produktion neuer Blockbuster zu verhindern. Seit Corona konnte sich die angeschlagene südkoreanische Filmindustrie nicht mehr richtig erholen. Die Planung und Produktion neuer Filme ist stark zurückgegangen, die großen Filmunternehmen finden kaum noch Investoren.14

Chinesische Kinobesucher:innen gucken am liebsten heimische Produktionen

Covid-19 führte nicht nur in Korea zu einem Einbruch der Filmindustrie. Weltweit wurden Premieren immer wieder verschoben, Kinobesucher:innen blieben fern, Filmtheater mussten schließen. Die Pandemie verursachte geschätzt einen globalen Verlust an Einspielerlösen von 17 Milliarden US-Dollar.15 Mittlerweile erholt sich die Branche wieder. Ein besonders bemerkenswertes Wachstum zeigt der Filmmarkt in China. Nach Angaben der chinesischen Filmbehörde lagen dessen Erlöse 2023 bei umgerechnet etwa 7,2 Milliarden Euro – ein Anstieg von rund 82 Prozent gegenüber dem Vorjahr.16 Zum Vergleich: In nordamerikanischen Kinos stieg der Umsatz im selben Zeitraum nur um rund 20 Prozent.17

Besonders interessant: Inländische Filme erzielten einen Jahresumsatz von über sechs Milliarden Euro.18 Ausländische Filme haben in China einen Marktanteil von nur 15 Prozent. Das Interesse an US-amerikanischen Streifen ist in China in den letzten Jahren stetig gesunken19 – chinesische Kinobesucher:innen schauen am liebsten Filme, die im eigenen Land produziert wurden. Laut einem Ranking der Ticket-Verkaufsplattform Maoyan sind die Top-Ten-Filme aller Zeiten in China allesamt einheimische Produktionen. Mit einer Ausnahme: Avengers: Endgame liegt auf Platz acht.20

Woher kommt diese Vorliebe für inländische Filme? Ein Grund könnte die Unterstützung der heimischen Filmindustrie durch die chinesische Regierung sein, die das Potenzial der Filmbranche erkannt hat. Das Handelsvolumen mit Filmrechten ist seit der Jahrtausendwende stark angestiegen und hat in diesem Zeitraum sogar die allgemeine Wachstumsrate des chinesischen Außenhandels übertroffen.21 Das mangelnde Interesse an ausländischen Produktionen kann jedoch auch darauf zurückzuführen sein, dass dem Publikum bei Hollywood-Blockbustern oft die kulturelle und emotionale Verbindung fehlt.

Bollywood profitiert von Corona

Auch die indische Filmbranche spürt diese Verschiebung hin zu einem »regionalen Kino«. Genauso wie Hollywood vielen Filmfans als Synonym für US-amerikanische Filmproduktionen gilt, wird die indische Filmindustrie oft mit Bollywood gleichgesetzt. Kein Wunder, denn Bollywood-Produktionen haben nicht nur das westliche Bild von indischen Filmen geprägt, sondern auch zahlreiche Weltstars hervorgebracht, wie den Schauspieler Shah Rukh Khan, für die Los Angeles Times der »größte Filmstar der Welt«.22 Doch Indien ist nicht gleich Bollywood. Filme auf Hindi machen höchstens die Hälfte aller indischen Filme aus.23

Hindi ist nur eine von insgesamt 23 offiziellen Sprachen24 und zahlreichen Dialekten auf dem Subkontinent. Regionales Kino setzt genau da an und bildet – im Gegensatz zum Mainstreamkino – diese kulturelle Vielfalt ab. Filme, die in einer bestimmten Region produziert werden und deren Sprache und Kultur widerspiegeln, erfreuen sich nicht nur in Indien zunehmender Beliebtheit, sondern feiern auch international Erfolge. Dazu hat maßgeblich auch die Corona-Pandemie beigetragen, denn die erzwungene Öffnung der Filmindustrie gegenüber Streamingdiensten hat die globale Reichweite indischer Produktionen gesteigert. Covid-19 führte zu Innovationen in der Erzählweise, den Produktionstechniken und den Vertriebsmodellen der indischen Filmindustrie.25

All das zeigt: Die nordamerikanische Filmbranche ist zwar immer noch die umsatzstärkste weltweit, doch andere Länder holen auf. Nigeria, China, Indien und Südkorea sind dem Marktführer, was globalen Einfluss, Innovation und Produktionsvolumen angeht, dicht auf den Fersen. In einigen Bereichen übertrumpfen sie ihn sogar. 

 

  1. 1

    D’Souza, Delano: World Bollywood Day: What reach does Hindi-language film industry have?, Min. 0:30, auf: france24.com (24.9.2024).

  2. 2

    Udugba, Anthony: Nigeria missing as China tops feature film production list, auf: businessday.ng (21.6.2024); Arte (Hg.): Nollywood: Nigerias Filmmetropole, Min. 1:00, auf: arte.de (26.1.2024).

  3. 3

    Ebd., Min. 11:50.

  4. 4

    U.S. Department of Commerce (Hg.): Nigeria – Country Commercial Guide, auf: trade.gov (6.6.2023).

  5. 5

    Ulrich, Klaus: Autoindustrie: Standort Deutschland unter Druck, auf: dw.de (17.4.2023).

  6. 6

    Haefliger, Markus: Nigerias statistischer Riesensprung, auf: nzz.de (8.4.2014).

  7. 7

    Arte 2024, Min. 6:00.

  8. 8

    Ebd., Min. 7:30.

  9. 9

    Deutschlandfunknova (Hg.): Nigeria – das zweitgrößtes Filmland der Welt, auf: deutschlandfunknova.de (10.4.2018).

  10. 10

    Busari, Stephanie: Nollywood aims to become a global cultural phenomenon like Afrobeats, auf: cnn.com (30.7.2024).

  11. 11

    Kang, Hyewon u.a: The Competitive Advantage of the Indian and Korean Film Industries: An Empirical Analysis Using Natural Language Processing Methods, in: Applied Science 4592(12) 2022, S. 1-17, hier: S. 10.

  12. 12

    Netflix (Hg.): Most Popular TV (English)/Most Popular TV (Non-English), auf: netflix.com (10.11.2024).

  13. 13

    Kang 2022, S. 2.

  14. 14

    The Korea Times (Hg.): Korean commercial film industry faces investment drought, auf: koreatimes.co.kr (1.9.2024).

  15. 15

    Alanay, Deren: COVID’s Impact on the Film Industry: »The Biggest Shift in the History of Hollywood«, auf: whartonume.com.

  16. 16

    Maoyan Entertainment (Hg.): Maoyan Entertainment Announces 2023 Annual Results: Revenue and Profitability Exceed Historical Levels, auf: maoyan.com (21.3.2024).

  17. 17

    (17) Carollo, Laura: Box office revenue in the U.S. and Canada 1980-2023, auf: statista.com (30.5.2024).

  18. 18

    Maoyan Entertainment 2024.

  19. 19

    Song, Xinyi; Hong, Yuchen: Chinese cinematic metamorphosis amidst COVID-19, auf: gobserver.net (22.2.2024).

  20. 20

    Xi, Chen: China leads global film industry, auf: globaltimes.cn (5.5.2024).

  21. 21

    Bingchao, Ren; Siyuan, Du: The impact of corporate financialization on the export scale of the film industry – Evidence from China, in: Finance Research Letters (66)2024, S. 1-8, hier: S. 1.

  22. 22

    Zeitchik, Steven: ‘Ra.One’: Shah Rukh Khan as Bollywood superhero, auf: latimes.com (4.11.2011).

  23. 23

    D’Souza 2024, Min. 1:00.

  24. 24

    Indien aktuell (Hg.): Sprachen in Indien, auf: indienaktuell.de.

  25. 25

    Mirage News (Hg.): Indian Film Industry Rebounds After COVID, auf: miragenews.com (11.11.2014).